Eine Frage der Agilität – Einblicke in die Praxis der Business Judgment Rule

Für das vor wenigen Tagen erschienene Buch „Gute Strategie – Der Ungewissheit offensiv begegnen“ (Herausgeber: Burkhard Schwenker, Barbara Dauner-Lieb) hat der Autor dieses Kurzbeitrags ein Kapitel zum Thema „Eine Frage der Agilität – Einblicke in die Praxis der Business Judgment Rule“ verfasst. Dazu wurden individuelle Gespräche mit Vorständen und Geschäftsführern kapitalmarktorientierter Unternehmen unter anderem aus dem DAX und MDAX geführt. Anhand von vier Leitfragen ist daraus ein Meinungsbild langjährig erfahrener Top-Manager zu der übergeordneten Fragestellung entstanden, wie sie unter erhöhter Unsicherheit ihren Sorgfaltspflichten genügen. Die Erkenntnisse sind in Thesen verarbeitet und hier nun als komprimierte Vorschau zusammengefasst worden.

These 1: Business Judgment Rule hat sinnvollen Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen

Alle befragten Vorstände und Geschäftsführer wenden die Business Judgement Rule im Rahmen ihrer Strategie- und Entscheidungsprozesse an und halten sie für sinnvoll. Zwar räumen sie ein, dass

  • Formalismen und Zeitbedarf für Entscheidungen auch aufgrund dieser Regelung zugenommen haben und
  • die Qualität der Entscheidung dadurch nicht zwingend steigt.

Allerdings heben sie positiv hervor, dass die strukturierte Bearbeitung des Sachverhalts eine disziplinierende Wirkung habe und die Gründe für eine Entscheidung besser nachvollziehbar mache.

These 2: Grundlagen der Entscheidung werden schriftlich fixiert

Die Befragung hat ferner ergeben, dass eine professionelle Dokumentation der Entscheidungsgrundlagen in kapitalmarktorientierten Unternehmen als Standard gilt:

  • Keine Entscheidung ohne Vorlage
  • Umfassende Fixierung der Entscheidungsgrundlagen
  • Regelmäßig Beteiligung von Beratern

These 3: Nachträgliche Änderungen werden berücksichtigt

Falls sich nach einer Entscheidung die zugrunde gelegten Tatsachen verändern, setzt nach Aussagen der meisten befragten Top-Manager ein Überprüfungsprozess ein:

  • Der Entscheidungsvorgang wird überwiegend als Dauerprozess gesehen
  • Projektbezogene Reviews werden proaktiv durchgeführt
  • Investitionsnachrechnungen kommen zum Einsatz
  • Für Nachjustierungen der Entscheidung bleibt Raum

These 4: Kein Widerspruch zu guter Strategie

Dass sich Business Judgement Rule und gute Strategie widersprechen oder gar ausschließen, haben die befragten Vorstände und Geschäftsführer unisono verneint:

  • Strategische Entscheidungen sind auf der Grundlage umfassender Informationen stets abzuwägen und risikobewusst zu treffen
  • Sachgerechte Incentive-Systeme für die Führungsebenen, die sich auch an branchenspezifischen strategischen Faktoren orientieren, spielen eine wichtige Rolle

These 5: Datenanalyse gewinnt an Bedeutung

Die Informationsflut und Schnelllebigkeit von Entscheidungen zu bewältigen, wird als wesentliche Herausforderungen gesehen:

  • „Wir haben mittlerweile eine Tonne mehr Daten, aber nicht mehr Informationen“
  • Selektion und Würdigung relevanter Aspekte aus dem Überangebot an Daten ist entscheidend
  • Big Data spielt für eine „angemessene Information“ im rechtlichen Sinne eine zunehmende Rolle
  • Digitalgestützte Dokumentation des Entscheidungsprozesses und der genutzten Daten ist gewinnt auch rechtlich an Bedeutung

 

>> Das Buch ist im Campus Verlag erschienen und kann dort oder im Buchhandel bestellt werden.

 

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Über den Autor des Kapitels:

RA Dr. Rüdiger Theiselmann berät Geschäftsführer, Vorstände und Aufsichtsräte rechtlich bei Management-Entscheidungen im Tagesgeschäft und in Sondersituationen (u.a. M&A, Finanzierungen, Krise/Restrukturierung). Er verfügt über Management-Erfahrungen in internationalen Großunternehmen sowie in der Aufsichtsratspraxis. Nach mehr als zehn Jahren in der Finanzbranche und in der Restrukturierungsberatung gründete er die Kanzlei Theiselmann & Cie. im Jahr 2015. Parallel ist er als Geschäftsführer der Huckberg GmbH sowie als Aufsichtsratsmitglied tätig. Er engagiert sich ehrenamtlich für die Corporate Finance Association und hat die Board Academy mitgegründet. Über Organpflichten und Haftungsrisiken für Manager publiziert er regelmäßig und hält dazu Vorlesungen an der Universität zu Köln sowie an der European Business School in Wiesbaden.